G e i s t e r s t u n d e

(Alpträume nach Mitternacht)


00:01

Plötzlich sind sie da,
tanzen um mich herum,
sehen auf mich herab,
mit vorwurfsvollen Augen.

"Was hast du uns angetan?
Waren wir es dir nicht wert,
um uns zu kämpfen?"

Und ich weiß nicht,
was ich ihnen sagen soll.
Ihnen, geschaffen von mir
und dann allein gelassen...

Träume,
nur geträumt,
nicht gelebt.


00:02

Lüg mich an,
sag mir,
wie sehr du mich liebst
dass du ohne mich
nicht leben kannst

...und betrüge mich weiter.

Denn mit Lügen
kann ich leichter leben
als mit der Wahrheit.
Also bitte,
leg dich neben mich
und lüge, lüge,
lüge...


00:03

Du warst nur
ein Spielzeug für ihn,
immer für ihn da,
wenn er dich wollte,
schmückendes Beiwerk
an seiner Seite.

Du hast dich aufgegeben,
nach seinem Bild geformt,
immer für ihn da,
wie er dich wollte,
nicht mehr du selbst,
nur noch sein Schatten.

Irgendwann langweilig für ihn,
und nun bist du allein,
noch immer für ihn da,
obwohl er dich nicht mehr wollte,
Benutzt, misssbraucht
und weggeworfen...

...und immer noch verliebt.


00:04

Du sitzt neben mir,
redest,
sagst aber nichts,
Small Talk,
der um unsere sterbenden Gefühle
einen großen Bogen macht.

Irgendwann
sitze ich nur noch neben uns,
schaue zu,
wie wir mit Nichtigkeiten
den Schmerz vertiefen,
der in uns ist.

Und zum Schluss
bin ich froh,
dass deine Umarmung
nur noch den Wunsch auslöst,
ihr so schnell wie möglich
zu entrinnen.


00:05

Die Sonne geht unter,
langsam kehrt Ruhe ein
in der Stadt.

Einsam laufe ich
die leeren Straßen entlang,
nur hin und wieder sehe ich
ein paar Ratten und Krähen.

Sie zerren an Kadavern,
erfreut über die Menge an Nahrung,
jetzt, so mitten im Winter.

Leichen, erlegt von Tieren,
die ihresgleichen sinnlos töten,
die Aas verschmähen,
und sich selber Menschen nennen.

Grosny, Winter 2000
(Ort und Zeit nahezu beliebig
austauschbar)


00:06

Meine Tränen sind versiegt,
ich lache sogar wieder,
wenn wir uns begegnen.
Doch glaube nicht,
dass ich dich
deshalb weniger liebe.

Ich habe nur gelernt,
mit meinen Schmerzen umzugehen,
habe meine Hoffnungen
in eine Kassette gelegt,
zusammen mit einem Bild von dir
und einem Stück von meinem Herzen,
um sie dann in meinem Garten
zu begraben.

Manchmal bin ich versucht,
alles wieder auszubuddeln,
doch ich fühle,
dass jeder Spatenstich
mitten in dein Herz treffen würde.
Und ein kaputtes Herz
ist schon eins zuviel.


00:07

Jede Nacht sind sie unterwegs,
die Vampire des neuen Millenniums
Sie verbeißen sich nicht mehr in Hälse,
Webseiten sind ihr Ziel.
Sie vergraben ihre Zähne darin,
saugen unser Herzblut aus ihnen,
entreißen unsere Gedanken.
Um sie dann, Zombies gleich,
irgendwo wieder auferstehen zu lassen,
schön anzusehen,
aber nur leere Hüllen,
ohne Seele.


00:08

Allein am Boden,
umringt von ihnen,
Stiefel,
die sich in meinen Magen bohren,
ein Baseballschläger,
alles um mich herum wird schwarz...

Schweißgebadet erwache ich
aus meinem Traum,
sehe in den Spiegel,
blond, blauäugig,
und schlafe beruhigt weiter...


00:09

"Wolltest du nicht diese Woche staubsaugen?"

Eine Frage,
vielleicht nicht mal ein Vorwurf,
falsch verstanden,
ein Wort
ergab das andere
und plötzlich
lagen statt eines Staubkorns
Welten zwischen uns.


00:10

Wir haben uns erst verstanden,
als wir uns
nicht mehr verstehen wollten,
waren erst einer Meinung,
als wir keinen Wert mehr
auf die Meinung des anderen legten,
trafen die gleiche Entscheidung für uns,
als das für uns
nicht mehr entscheidend war.

Fanden unseren Weg,
jeder für sich,
allein...

...weg voneinander.


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