Der Morgen danach
(Dreamers Erwachen)

BAR

Erwachen XXXI

Nein, ich verschwende
keine Zeit mehr an dich,
keine Träne,
keine Träume.

Es berührt mich nicht mehr,
wenn ich dich sehe,
dich höre,
dich spüre.

Du bist mir egal.

Und ich hoffe,
dass ich meine Lügen
irgendwann mal glaube.


Erwachen XXXII

Oh, oh,
hallo Kleine,
Liebe, Liebe?
Küsschen, Küsschen?
Nein danke?
Na macht nichts,
winke, winke.

Sehen so Gedichte aus,
wenn die Generation
der Teletubbies
mal erwachsen ist?


Erwachen XXXIII

Ein frostiger Winterabend,
allein in einer fremden Stadt.
Ich laufe durch die Strassen,
bis die Kälte mich in ein Cafe treibt.
Alle Tische besetzt,
wenigstens an einem
noch ein freier Stuhl.

Nur kurz löst du dich
von deinem Kaffee,
als ich frage,
ob ich mich zu dir setzten darf,
"Natürlich, gern"
und versinkst wieder
in deine Gedanken.

Wir müssen beide lachen,
als wir im selben Moment
ein Notizbuch hervorkramen,
kommen ins Gespräch,
stellen fest,
dass wir beide Gedichte schreiben,
- Liebesgedichte, meistens -
schon ein paar veröffentlicht haben,
- um anderen eine Freude zu bereiten -

und in der gleichen Nacht geboren sind.

(Eine nette Geschichte,
werdet ihr jetzt sagen,
nett, aber ziemlich unwahrscheinlich.
Ja, eine nette Geschichte,
aber tatsächlich passiert,
irgendwo im Internet.)

PS: Es muss damals eine gute Nacht
für Poeten gewesen sein.


Erwachen XXXIV

Gestern war ich im Krankenhaus,
mein Herz besuchen,
das noch immer
auf der Intensivstation liegt.

Traurig sah es aus,
so notdürftig geflickt,
voller Schrammen
und leicht angebrochen.

"Wird es wieder tanzen können,
so wie früher?"
fragte ich voller Sorge
den Arzt neben mir.

"Keine Angst,
es muss sich erholen,
etwas Ruhe, etwas Zeit,
aber es wird wieder."

Und als ich einen letzten Blick
durch die Glasscheibe warf,
schien es mir, als ob ich
ein erstes Lächeln sah.


Erwachen XXXV

Manchmal sitze ich da,
versuche, ein Gedicht zu schreiben,
doch mir fällt absolut nichts ein.
Ich rauche Zigarette auf Zigarette,
schaue zu, wie die Flasche Bordeaux sich langsam leert,
und noch immer liegt ein weißes Blatt vor mir.

Dann reiße ich mein Herz heraus,
nur um zu sehen,
ob es nicht doch noch ein Geheimnis birgt,
doch alles ist schon beschrieben.

Und als ich mein Herz in die Mülltonne werfe,
sehe ich dich, wunderschön und unglaublich betörend.
und ich weiß, dein Herz ist voller Ideen,
genug, ganze Bücher damit zu füllen.
Ich könnte es herausreißen,
es sezieren, und dann Gedichte daraus formen.

Die einfache Variante, doch ich könnte es auch erobern,
warten, dass du mir alle Geheimnisse preisgibst.
Und dabei neue Geheimnisse entstehen lassen...

(Es ist merkwürdig, auf was für Ideen
man bei Akte X kommt.)


Erwachen XXXVI

Verbrannte Brötchen,
30-Minuten-Eier,
und der Kaffee inzwischen kalt...

Macht nichts,
ich hatte ja dich
zum Frühstück.


Erwachen XXXVII

Für einen kleinen Moment
gab es nur dich und mich
auf der Welt.
Wir sahen uns in die Augen
und wussten beide,
dass wir füreinander geschaffen sind.
Liebe auf den ersten Blick,
für unendliche 5 Sekunden,
bevor unsere Züge
sich wieder in Bewegung setzten.

In entgegengesetzte Richtungen.
Bahnhofsalltag?


Erwachen XXXVIII

Wenn du gehst,
dann nimm mich mit dir,
irgendwo,
in einer kleinen Ecke
deines Herzens,
du weißt,
ich brauche nicht viel Platz.

Hol mich manchmal hervor,
damit ich etwas Licht sehe,
vergieß eine Träne,
damit ich nicht verdurste,
verschwende einen Gedanken an mich,
damit meine Träume Nahrung haben,
500 Kilometer entfernt.


Erwachen XXXIX

Auf dem Arbeitsamt
haben sie nur
die Köpfe geschüttelt:
"Ein Minnesänger,
ohne Berufserfahrung?
Schwer zu vermitteln."
Doch ganz hinten im Regal,
falsch eingeordnet,
fand sich zum Schluss
doch noch eine Angebot.

Eine kleine Burg,
weit entfernt,
mein Vorgänger
frisch geköpft.
(Tomaten zu werfen,
war gerade
aus der Mode gekommen.)

Und nun steh ich
vor dem Tor,
singe meine Lieder,
und an einem Fenster
seh ich dich.
Während du mir zuhörst,
tauscht die Sonne
ihren Platz mit den Sternen,
und noch immer
stehst du am Fenster,
begierig auf mehr.

"Sind die Lieder für mich?"
"Natürlich" entgegne ich.
(Sicher die beste Antwort
für den einzigen Zuhörer.)

Und ich singe weiter,
bis das Tor sich öffnet
und der Wächter
mich mürrisch anblickt:
"Geh schon, dein Frühstück
steht in der Küche."

Und so singe ich
ab sofort im Thronsaal,
und jeden Abend
sitzt zum Schluss
nur noch du
neben mir,
und stellst
die gleiche Frage:

"Sind die Lieder für mich?"
"Natürlich" entgegne ich.
(Doch mit jedem Abend
wird die Antwort ehrlicher.)

Längst schon sind uns
Sonne und Sterne egal,
wenn wir Sterne wollen,
sehen wir uns in die Augen,
strahlend und funkelnd
bei jedem neuen Lied.

Und eines abends
habe ich den Mut
und stelle dir eine Frage:
"Gibt es eine gemeinsame Zukunft,
für dich und mich?"
Dein Lächeln bleibt,
doch du schweigst.

Und als dein Vater am nächsten Morgen
eine Stellenanzeige aufgibt
"Minnesänger gesucht",
weiß ich nicht,
ob ich einen Kopf kürzer
oder bald verheiratet bin.


Erwachen XL

"Warum ich?
So laut,
oft unbeherrscht,
manchmal naiv,
und vor allem stets dem Stress verfallen.
Was soll das schon werden?"

Warum du?

Sicher,
manchmal laut,
doch unsere Gespräche
waren stets leise.

Vielleicht auch
manchmal unbeherrscht,
doch nie
gegenüber mir.

Manchmal auch naiv,
oder vielleicht doch
einfach
nur unerfahren?

Und leider
immer im Stress.

Hätte daraus
nicht auch
etwas Wundervolles
entstehen können?

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